Zur Kritik der Bildungsproteste in ihrer derzeitigen Form

Wäre Begriffslosigkeit Indikator maroder Bildungssysteme, so wäre der Aufruf der Veranstalter_Innen der Demonstration am 4.12.09 im Rahmen der bundesweiten Bildungsproteste unfreiwillig bestes Argument für die radikale Neugestaltung sämtlicher Bildungsangebote.
Eben jene Begriffsleere äußert sich bereits im realitätsfremden Bildungsbegriff, den die Autor_Innen des Aufrufs als verloren gehendes Ideal zu bewahren wünschen.

„Weltweit ist Bildung im Wandel: Das humanistische Ideal einer zur kritischen Reflexion befähigenden, gemeinwohlorientierten Bildung wird zurückgedrängt. Stattdessen wird Bildung den Bedürfnissen des Marktes angepasst und damit selbst mehr und mehr zur Ware.“ (http://www.bildungsstreik-mannheim.de/?page_id=2, 30.11.09)h

Die Veranstalter_Innen gehen in ihrem Aufruf von „westlichen“ Bildungssystemen – als Beispiele werden im Aufruf Mexiko, Griechenland, Frankreich… angeführt – aus, welche eben nicht dem theoretischen Bildungsideal humanistischer Aufklärer_Innen entsprechen, noch nie entsprachen, sondern in kapitalistisch formierten Gesellschaften nicht unabhängig von Verwertungslogik und dem damit verbundenen Arbeitszwang zu denken sind. Staatlich organisierte Bildung -in ihrer konkreten Ausformung als Schulen, Unis etc.- kann hier also nur als Prozess begriffen werden, der in verschiedenen Regionen der Erde unterschiedlich vonstatten geht und ging; dessen Logik aber die selbe ist, nämlich die Möglichkeit bereit zu stellen, sich als möglichst gut verwertbares Subjekt zu konstituieren. Grundlegenden Einfluss auf die Logik dieses Prozesses haben weder, wie so oft behauptet, Einzelpersonen wie Professor_Innen und Lehrende, noch irgendwelche in Machtpositionen wahrgenommene Personenzirkel. Zwar unterscheiden sich die konkreten (Bildungs-) Politiken der verschiedenen zuständigen Behörden, jedoch nur in der Struktur in welcher das Bildungsangebot bereitgestellt wird. Die in der Suche nach greifbar Schuldigen, in dem Wahn die kapitalistische Zustände personalisieren zu wollen, als verantwortlich Wahrgenommene handeln ihrerseits innerhalb der selben ökonomischen Zwangsverhältnisse, deren Abschaffung zu vollziehen die jetzige Protestbewegung weder in der Lage noch gewillt ist. Personelle Kritik ist dort angebracht, wo Entscheidungen aus dem persönlichen Handlungsspielraum der vermeintlichen Autoritäten getroffen werden, und damit, in Einzelfällen, vermeidbares Elend eben vorantreiben. Diese Kritik stellt die begrüßenswerteste Form einer reformistischen Politik dar, in dem sie die konkreten Lebensbedingungen innerhalb des Bestehenden minimal verbessern. Das zu begreifen hieße jedes rebellisch identitäres Gehabe als scheinrevolutionären Lifestyle zu entlarven und letztendlich zu verwerfen. Schlimmstenfalls münden dieser Lifestyle und die Suche nach dem rebellischen Erlebnis im Racket, in der Zerstörung – beispielsweise der einer Ausstellung, die das Leben jüdischer Industrieller vor 1933 dokumentierte, wie in Berlin während der letzten Bildungsproteste geschehen. Wahlweise werden auch Lehrbücher, Einrichtungsgegenstände oder Bildungsmöglichkeiten, wie Seminare oder Vorlesungen, als bösartig und der Zerstörung würdig wahrgenommen. Der 3te Weg jenseits (gerechtfertigtem) Reformismus und verkürzter Kritik wäre die Ermutigung des Individuums die Verhältnisse zu erkennen, sich zu assoziieren und ein vernuftorientiertes Programm zur besseren Gestaltung menschlichen Zusammenlebens zu entwickeln. Das hieße eben jene Aufklärung voranzutreiben, auf die auch das im Aufruf der Veranstalter_Innen verklärte humanistische Bildungsideal abzielt.

Konsequenterweise tauchen in den Forderungen jene Widersprüche auf, die eben jener bereits erwähnten Begriffslosigkeit und der daraus resultierenden teils fehlenden, teils zu kurz greifenden Analyse geschuldet sind.
So wird einerseits der von den Autor_Innen der schwere Zugang aufgrund mangelnder Kapazitäten an den Hochschulen angeprangert, sowie rückzahlungsfreie finanzielle Grundsicherung für Studierende gefordert. Andererseits reduzieren sie das Bachelor-/Master-System in seiner derzeitigen Form auf seine negativen Aspekte ohne zu hinterfragen ob dies nicht genau der -zwangsläufig falsche- Versuch ist die Aufnahmekapazitäten zu steigern und die Kosten für die Studierenden zu senken. Vielmehr stellt sich die Frage, ob in der Kritik an der verkürzten Studienzeit, die ohne jeden Verweis auf die zeitliche Situation Auszubildender auskommt, und in dem romantisierenden Wunsch nach „Langzeitstudententum“ dass für Menschen aus einkommensschwachen Familien kaum realisierbar ist nicht jene Elitenbildung Ausdruck findet, die zu kritisieren sich die Protestbewegung im wahrsten Sinne des Wortes auf die Fahnen schreibt. Die Auseinandersetzung mit der Frage ob ein besserer Versuch möglich wäre und wie dieser aussehen könnte, bleibt der bezeichnenderweise stichwortartige Aufruf dem/der Leser_In schuldig.

Noch widersprüchlicher ist der Ruf nach Ausbildungsgarantie durch Wirtschaft und Staat, der immer auch Staat des Kapitals sein muss, während sie gleichzeitig aus den Bildungsinstitutionen vertrieben sollen und so versucht wird die unmögliche Trennung von Bildung und Ausbildung zu vollziehen.

Aus dem Unwillen einen an sich sinnvollen Gedanken zu Ende zu führen, nämlich der Forderung nach demokratischerer Beteiligung Lernender an Entscheidungen, resultiert die Hilflosigkeit gegenüber Stimmen, die genau dieses Mitbestimmungsprinzip ad absurdum führen indem sie Gremien und Entscheidungsfindungsprozesse als Plattform für reaktionäre und ressentimentbeladene Propaganda nutzen. Hierunter fallen nicht nur die an den Hochschulen zum Glück weitestgehenden politisch isolierten Neonazis und völkische Freaks, sondern auch gesellschaftlich anerkannte, aber (latent) homophobe beziehungsweise sexistische Männerbünde wie sie Korps, Turnerschaften und/oder Burschenschaften darstellen.

Bedauerlich ist dass eben jene Forderungen, die tatsächlich zur Verbesserung der Lebensbedingungen für Lehrende und Lernende beitragen könnten – wie zum Beispiel die Aufstockung des Lehrpersonals oder die Suche nach sinnvolleren Leistungsnachweisen jenseits der Dauerüberprüfung – von mangelnder Analyse, widersprüchlichen Appellen an die Institutionen sowie der Weigerung sich auf längere Textarbeit einzulassen überschattet werden.

„Solange die Studierenden nicht beginnen, ihre eigene Aufhebung als Dressurobjekt zu betreiben, solange die Beschulten nicht die Beschulung und die Zurichtung für das Kapital verweigern und solange“ die zu sich verwertenden Subjekten degradierten Individuen (im Original: “die arbeitende Klasse“ ) „nicht die Quelle ihrer täglichen Schmach – die Lohnarbeit – erkennt und danach trachtet sie zusammen mit dem Kapitalverhältnis das sie reproduziert abzuschaffen, solange bleiben im Kampf für bessere Lern- und Lebensbedingungen nur reformistische Forderungen und das ermüdende Kleinstgefecht um jede freie Stunde, jeden Euro und jeden Cent.
Trotzdem. Um den gehässigen Takt des Arbeitskommandos temporär zu verlangsamen und auf diese Weise wenigstens den Insassen der Universitäten und Regelschulen einige kurze Verschnaufpausen zur Reflexion über die bedrückenden Lebensbedingungen zu erkämpfen, stimmen wir selbstverständlich der bescheidenen Parole zu:
Gegen Studiengebühren,
weg mit dem dreigliedrigen Schulsystem,
weg mit dem G8- „Turboabitur“. “
(http://neocommunistinnen.blogsport.de/flyer/immer-wieder-bildungsprotest/, 30.11.09)
Dem haben wir nichts mehr hinzuzufügen.
ag_UFO, Teil der Fachschaft für politische Bildung im Juz Mannheim [www.agufo.blogsport.de]

Zum weiterlesen:
„Immer wieder Bildungsprotest“ - neocommunistinnen
Protektion und Protest „Die „offene Universität“ als Wunschbild und Albtraum -Magnus Klaue
„Deutschland wichtigste Ressource – oder wie Kinder in einem menschenverachtendem System erzogen werden“ - ak hitzefrei bei jedem wetter/ redical m

Anmerkung zum Flugblatt:
Der Text in der derzeitigen Form entspricht nicht mehr vollständig dem Gruppenkonsens und wird neu diskutiert. Eine überarbeitete Version folgt.





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